VERTRAUEN und GLAUBEN
„In dieser Welt weht ein rauer Wind,“ bilanzierte unlängst Bundeskanzler Merz im Deutschen Bundestag. Bischof Gerber schreibt im Kölner Stadtanzeiger: „Vieles, was wir in den vergangenen Monaten in der Weltpolitik haben erleben müssen, zeigt, dass sich neu Strategien etablieren, die explizit von Empathielosigkeit geprägt sind.“ Das Leid der Menschen in der Ukraine, in Gaza und in anderen Regionen der Welt schreit zum Himmel! In der Welt der Großmächte gilt das Recht des Stärkeren. Mit Ge- und Entschlossenheit stellt sich die Europäische Union mit neuen Zollhandelsabkommen und mit Aufrüstung der Streitkräfte auf die neue Zeit ein.
Wie begegnen Christen der „rauen Welt“, dem Verlust von Verlässlichkeit, den Erfahrungen von Gewalt und Respektlosigkeit? Orientieren sie sich an der Bergpredigt? Selig sind die Friedensstifter, die Wehrlosen und Barmherzigen. Menschen, die ihren Mitmenschen mit Empathie begegnen. Sie preist Jesus selig. Menschen, die im leisen Säuseln des Windes Gottes Gegenwart spüren, die glauben und vertrauen, dass Gott mit ihnen ist und durch sie vor Ort konkret wirkt.
Jesus glättet die Wogen
Gertraud von Bullion lebt in politisch stürmischen Zeiten (1891 – 1930). Sie entdeckt ihre Berufung zum gottgeweihten Leben im Apostolischen Bund trotz vieler Widerstände. Oft fühlt sie den Sturm im eigenen Herzen. Wegen ihrer Erkrankung an Tuberkulose erträgt sie längere Kuraufenthalte. Zur Therapie gehören Liegekuren in guter Luft. Gertraud mit ihrem zupackenden Wesen und ihrer Leidenschaft zum Helfen wurde zum Nichtstun gezwungen. „Hier habe ich es satt!“, ist ihre Reaktion.
Ihre Gefühle während einer Fronleichnamsprozession beschreibt sie in einem Gedicht:
„Der Herr geht vorüber – die Menge drängt dicht, doch sein Blick ruht auf Dir, weißt Du, was er spricht? ‚Mein Kind, Deine Pein, ich kenne sie wohl, der Liebe und Sehnsucht ist’s Herz Dir so voll. Blick deshalb nicht trübe hinein in die Welt, die verlangende Seele ist’s, die mir gefällt! …‘-
‚Mein Jesus, mein König, zu Dir hin ich flieh. Mein Schifflein kämpfet in Sturm und in Not! Gebiete den Wellen! Sei Du mein Pilot! – Befehle im Schifflein, wie’s Dir dünket recht, …‘ Der Herr ging vorüber. – Die Wogen sind glatt, weil Jesus Stille geboten hat.“
Ja sagen zu durchkreuzten Plänen
Als Gertraud von Bullion vom Einsatz im Lazarett als Rote-Kreuz-Schwester wieder nach Hause kommt, ist in ihrem Herzen eine große Leere. Sie fühlt sich nutzlos. Sie möchte Missionsschwester werden, aber ihr kranker Vater braucht sie. Einem befreundeten Priester schreibt sie: „Ja, mein lieber Lauer, mit glück- und dankerfülltem Herzen darf ich’s sagen, dass unser lieber Jesus mich für sich haben will, nur hat er mir vorerst eine noch unbegrenzte Wartezeit bestimmt im Dienst meines Vaters, doch wird der Tag kommen, wo ich ihm ganz gehören darf. Beten Sie, dass ich dieser Gnade würdig werde.“
Nach dem Tod des Vaters ist Gertrauds Krankheit so weit fortgeschritten, dass sie nicht mehr in ein Berufsleben eintreten kann. „Meine Zukunftspläne liegen ganz verworren. Der Arzt vor vier Jahren sagte, ich würde hier dann ganz gesund werden – der jetzige bestreitet es. So stehe ich im Kreuzfeuer. Mich wieder beruflich zu betätigen lockt mich sehr, aber ich bezweifle meine Leistungsfähigkeit auf die Dauer. … Es ist mehr der Stolz, der mich drängt, nimmer länger unnütz sein zu müssen.“
Ohne Scheu bekennt Gertraud, dass ihr Eigenwille größer ist als die Bereitschaft, sich von Gott führen zu lassen. Sie erkennt, dass sie einwilligen muss in die Pläne Gottes. „Am 7. Januar holte Gott auch unsern guten Vater von uns fort und ließ mich allein und heimatlos zurück. … Und die Zukunft? Was ich mir früher für diesen Zeitpunkt erträumte, ist vorbei durch meine schlechte Gesundheit, … Eigentlich bin ich jetzt frei, drum soll ER den unumstrittenen Platz in meinem künftigen Leben einnehmen. Nur muss ER dann noch für manches Sorge tragen, was hindernd im Wege steht! Mein Sinn stünde nach berufsmäßigem Laienapostolat. Ob ich dazu berufen bin und wo? Hilf mir beten um Licht und um Kraft, Erkanntes durchzuführen!“ – „Ich habe noch keine Pläne, denn sooft ich solche fasste, hieß es, sie unter Schmerzen aufgeben. Kind soll und will ich werden, also lasse ich den Vater im Himmel sorgen! Das heißt nun nicht, dass ich mir keine Gedanken mache um die Zukunft, aber ich strebe nach kindlicher, vertrauender Sorglosigkeit… Auch für die Zukunft wird der Vater sorgen, der mir den Vater nahm, in seiner Weisheit. Freilich, als Mensch kann ich das Sorgen und Denken nicht gleich lassen, aber ich müh‘ mich drum, sorglos zu werden und ganz ihm zu vertrauen. Ich brauche nur die Gnade seines Lichtes und dann die Kraft, den Weg zu gehen, den er jetzt für mich gezeichnet hat!“
Der Blick auf die Mutter gibt Sicherheit
Sie schreibt ihren Gruppenschwestern: „Unsere Königin ist ja unsere Mutter. Sie kennt keine größere Freude, als uns glücklich zu sehen. Sie weiß, dass einzig in Gott das Menschenherz seine Befriedigung finden kann, darum muss sie, weil sie uns liebt, alles aufbieten, uns zu Gott zu führen. Meine Lieben, um uns tobt der Kampf des Lebens, auch für uns kommen Stunden der Ermattung, wo uns die Begeisterung geschwunden, … dann lasst uns von unserer milden Herrin den Blick nicht wenden.“
Maria hat in vorbildlicher Weise die Ungewissheit für den Verstand
durch den Heroismus des Glaubens,
die Angst und Not des Herzens
durch den Heroismus des Vertrauens und der Liebe überwunden.
J. K.
Renate Steinhöfel
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